Die Idee

Alle zukünftigen Generationen werden in der Welt leben müssen, die wir ihnen hinterlassen. Manches von dem, was wir jetzt gerade zerstören, wird erst in 100, 1.000 oder 10.000 Jahren repariert sein. Vieles wird für immer verloren bleiben.

Wir begehen damit ein schlimmes Verbrechen an allen Menschen, die nach uns auf diesem Planeten leben. Wir tragen eine schwere Schuld an den Katastrophen, die sie ertragen werden müssen: An den Dürren, den Überschwemmungen, an den Stürmen, am Anstieg des Meeresspiegels, an der atomaren Verseuchung großer Gebiete und vielem mehr. Auch an den damit verbundenen Krisen, die sie bewältigen werden müssen, tragen wir schwere Schuld: An ihren Krankheiten, an der Zerstörung ihrer Häuser, ihres Lebensraumes, und ihrer Heimat, an ihrem Durst und Hunger und an den Kriegen, die sie im Kampf um Lebensraum, Wasser und Nahrung führen werden.

In den Augen unserer Kindeskinder wird das, was wir im Moment tun, ein Massenverbrechen sein.

Sie werden uns anklagen und uns verurteilen. Nur bestrafen werden sie uns nicht können. Unsere Konsequenzen werden sie tragen müssen. Wir werden als jene Generationen in die Geschichte der Menschheit eingehen, die nicht in der Lage war, eine gesunde Erde zu hinterlassen.

Die Historiker und Archäologen unserer Nachfahren werden nach Spuren suchen, wie es zu dieser Situation gekommen ist. Sie werden verstehen wollen, warum wir so gehandelt haben, wie wir es im Moment tun. Sie werden auf unterschiedliche Spuren stoßen: Auf Fotografien und Fossilien von Tier- und Pflanzenarten, die wir gerade noch erleben, dann  aber ausgestorben sein werden. Sie werden damit überfordert sein, alle ausgestorbenen Arten zu entdecken. Es werden Hunderttausende Spezies sein, am Ende vielleicht sogar Millionen. Ganze Lebensräume werden verschwunden sein. Die Kinder werden sie teilweise aus animierten Rekonstruktionen kennen. Die Eltern werden ihnen die Gründe für das Verschwinden benennen. Uns werden sie als Hauptgrund anführen: Unsere Bequemlichkeit, unsere Gier nach Wohlstand, unsere vehemente und nachhaltige Weigerung, zusammen Verantwortung für die gemeinsame Heimat allen Lebens zu übernehmen.

Gleichzeitig werden die Historiker nach den Gründen für unser heutiges Handeln suchen. Sie werden sich fragen, warum wir getan haben, was wir gerade tun und unsere Kultur untersuchen um Rückschlüsse auf unsere Psyche und unsere Gesellschaft ziehen. Vermutlich werden sie versuchen, unsere öffentlichen Diskussionen im Internet zu rekonstruieren, um unser Denken besser verstehen zu können. Dabei werden die Forscher uns sachlich und neutral beurteilen. Aber sie werden uns als Täter*innen sehen, weil sie die Opfer sein und leiden werden. In ihren Augen wird das, was wir im Moment tun, ein Massenverbrechen sein, durch nichts zu entschuldigen. Womöglich werden sie mit vielen negativen Gefühlen auf uns zurückblicken – ähnlich wie wir heute auf die Verbrechen anderer Generationen zurückschauen.

Sie werden genau rekonstruieren können, was wir zu welchem Zeitpunkt wussten, was wir sehen konnten, was wir nicht sehen konnten und was wir nicht sehen wollten, was wir getan haben und was nicht.

Dabei werden es nicht nur Fremde sein, sondern unsere eigenen Nachfahren. Sie werden nach ihren Wurzeln suchen und sich fragen: Wie haben damals meine Vorfahren gehandelt? Waren sie mit schuld? Vor allem in den Zeiten, wenn sie besonders leiden, werden sie wissen wollen, wie sehr die eigene Familie Teil des Geschehens war. Einiges werden sie verstehen und nachvollziehen können, vieles nicht. Manche werden uns hassen.

Sie sollen auch etwas anderes finden.

Aber dieses negative, düstere Bild darf nicht alles sein, wenn sie auf unsere Zeit zurückschauen. Sie sollen auch etwas anderes finden.

Sie sollen Zeichen der Hoffnung finden. Etwas, an dem sie sich festhalten können.

Sie sollen sehen, dass wir auch anders waren. Sie sollen Anzeichen dafür finden, dass wir zumindest in Teilen versucht haben, ein Stück Heimat für sie zu retten. Sie sollen sehen, dass wir trotz allem keine Monster sind. Wir sind zwar in großen Teilen überfordert damit, gemeinsam die Verantwortung für unser Handeln zu übernehmen, aber wir sind trotzdem fähig zu Mitgefühl, zu Reue und zu Scham. Vielleicht wird ihnen das zynisch erscheinen. Vielleicht werden sie erst recht wütend sein. Vielleicht werden sie aber auch erkennen, dass wir uns ähnlich sind – das wäre zu wünschen. Vielleicht auch nicht. Und so schwer dieser Gedanke ist, womöglich wäre es noch wünschenswerter, wenn wir ihnen fremd erschienen. Dann wäre es denkbar, dass sie anders handeln werden.

Wir werden nicht einfach zu verstehen sein. Aber sie sollen sehen, dass es uns leidtut.

Zerstörung darf nicht alles sein, was wir hinterlassen.

Wenn unsere Kindeskinder die sozialen Netzwerke rekonstruieren werden, sollen sie nicht nur belanglose Posts und Bilder von uns finden, sondern unter dem Hashtag #vergebtuns (#forgiveus #pardonnenous #perdonanos #原谅我们 سامحنا#, …) auf unsere Statements stoßen, in denen wir sie um Entschuldigung für all das bitten, was wir ihnen antun. Auch wenn es so aussieht, als wären wir nicht in der Lage, gemeinsam effektiv zu handeln, sollen die zukünftigen Menschen dennoch sehen, dass Teile unserer Welt in dieser einen Frage Einheit zeigen. Dass wir nämlich trotz aller kultureller, ethnischer, religiöser, weltanschaulicher und sonstiger Vielfalt gemeinsam bereuen, wie es um die Erde steht. Und sollten die Kinder unserer Kinder Ahnenforschung betreiben, sollen sie neben unseren Namen eine Bitte um Nachsicht finden. Sie sollen auf kurze Posts stoßen (zur Not auch nur auf den kurzen Hashtag #vergebtuns) und auf lange Briefe, auf Naturaufnahmen und auf politische Reden, Kunstwerke, Lieder, Gebete, Selfies, Familienaufnahmen und auf was auch sonst noch alles. Hauptsache die Kinder unserer Kinder erfahren von uns persönlich, dass es uns nicht kalt lässt, was gerade geschieht und wie hilflos wir dabei zusehen. Das ist das Mindeste, was wir tun können: Zu versuchen, unseren Nachkommen irgendwie glaubhaft zu machen, dass wir das alles nicht wollten, auch wenn unser Handeln das Gegenteil unserer Worte sagt.

Zerstörung darf nicht alles sein, was wir hinterlassen.


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